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Lehrer Fiebelkorn schrieb die Dorfchronik

Große Anerkennung zollten der ehemalige Bürgermeister, Heckmann und alle Besucher eines gemütlichen Abends des Männergesangvereins und des Gemischten Chores dem nach dreijähriger pädagogischer Tätigkeit an die Schule von Oetmannshausen versetzte Lehrer Fiebelkorn für die Schaffung einer umfangreichen Dorfchronik über die Entstehung des Dorfes bis zum heutigen Tage. Lehrer Fiebelkorn hatte an jenem Abend, erstmalig einige Kostproben aus der Chronik dargeboten und überaus reichlichen Beifall dafür erhalten.

Wie er zu dem Entschluß gekommen ist, eine Chronik zu schreiben? Lehrer Fiebelkorn berichtet, daß ihn der ehemalige Bürgermeister Karl Ebel anläßlich einer Feierstunde auf diese Idee gebracht habe: „Man müßte alle wesentlichen Ereignisse im dörflichen Leben festhalten, damit sie auch späteren Generationen erhalten bleiben.“

Zunächst wandte sich Lehrer Fiebelkorn an die Archive und besuchte Wiesbaden, Worms, Würzburg, Nürnberg und Fulda. Auch in Unterlagen des Archivs Marburg nahm er Einblick und studierte rund 200 Jahre alte Niederschriften über Sitzungen des Gemeinderates sowie stand samtliche Aufzeichnungen der Pfarrei Scheminern. Wichtige Daten aus der Geschichte des Dorfes wurden skizziert und erst dann wurden die ersten Seiten in einem dicken ledergebundenen Buch geschrieben. Das Material wuchs von Woche zu Woche und nahm schließlich einen stattlichen Umfang an mit viel Wissenswertem über den kleinen Ort im Schemmergrund, von seiner Entstehung, über den Ortsnamen, einschließlich der wirtschaftlichen und soziologischen Struktur, bis zu den Ereignissen der jüngst vergangenen Jahre.

Ein Blick in die aufgeschlagene Chronik, an der drei Jahre gearbeitet wurde, zeigt, daß bereits um das Jahr 800 eine Gemarkung um den späteren Ort Burghofen bestand, die aber zur Schemmermark mit den Orten Schemmmern, Gehau, Mäckelsdorf und Hetzerode gehörte.

Dokumente nicht zu erreichen

Im Jahre 1334 wird erstmals ein Ortsname Barkoben genannt, der 1348 Barchovin heißt und nach Erwerb der Schemmermark durch den Landgrafen von Hessen im Jahre 1350 sich Borghoubin nennt. Alle drei Ortsnamen werden in Zusammenhang mit einer hölzernen Wachburg auf dem Burgberg zur Zeit Karls des Großen gebracht. Weitere Wandlungen macht der Ortsname durch. So nennt man den Ort 1411 Borghoff, dieser verändert sich abermals 1585 in Borghoven und wird schließlich 1682 zu Burghofen, dem Namen, den die kleine Gemeinde auch beute noch hat.

Genauen Aufschluß über die Herkunft des Ortsnamens und den Bau einer Kapelle könnten, weil die Schemmermark bis 1356, ausschließlich Waldkappel, thüringisches Gebiet war, Urkunden geben, die in Schmalkalden aufbewahrt werden. Jedoch ist es bisher nicht gelungen, Einsicht in die Dokumente zu nehmen. (Zur Zeit der DDR) In der Zeit der Entstehung des Ortsnamens, so ist in der Chronik festgehalten, gab es im Dorf eine Kapelle und in „Schemmere“ um 1262 einen Pfarrer mit Namen Ekehardus Plebanus. Diese Tatsachen waren in der Kaufakte des Klosters Germerode zu finden.

Irrtum eines Steinmetzen

Die Kapelle wurde nur zu Gebetsandachten benutzt. Sie muß durch den "Zahn der Zeit" oder Kriegswirren zerstört worden sein. Erhalten jedoch blieb ein ausgehauener Stein, der über dem nicht mehr benutzten Haupteingang der jetzigen Dorfkirdie eingemauert ist. Er trägt die Inschrift: "Gloria in excelsis teo''. Dem Steinmetzen vor Jahrhunderten, der mit der Ausmeißelung des Steines beauftragt wurde, war sicherlich die Schreibweise der lateinischen Worte nicht bekannt, sonst hätte er nicht „teo“ statt „deo“ (Gott) ausgemeißelt.

Bis zum Jahre 1754 war die Dorfkirche eine Tochterkirche von Schemmern, in der der Kantor die Gebetsandachten hielt. Jeden Samstagmorgen war für die Erwachsenen Kirchenschule, in der im Katechismus gelesen, Lieder gesungen und Bibelworte ausgelegt wurden. Anschließend versammelten sich dann die Kinder zum Katechismuslesen und Üben von Kirchenliedern. Am Sonntag war Hauptgottesdienst in Schemmern, an dem die Erwachsenen in der vorgeschriebenen Abendmahlstracht teilnehmen durften.

Den schulpflichtigen Kindern des Dorfes erging es nicht anders. Sie mußten in die Nachbargemeinde zur Schule gehen und ganz Burghofen war deshalb voller Stolz, als 1758 mit Heinrich Kümmel der erste Schulmeister einzog und die Kinder nun im Dorf blieben.

Ältestes Haus von 1655

Noch mehr Wissenswertes ist in der Dorfchronik niedergeschrieben. So ist für alle Zeiten festgehalten, daß das älteste Haus der Gemeinde das Fachwerkhaus des Unternehmers Karl Wetzel 1 ist. Das Haus ist nicht nur durch seinen ansprechenden Anstrich eine Augenweide, sondern auch durch den Haussegensspruch, der an der Außenfront in einen durchgehenden Balken eingeschnitzt ist. Er ist aus dem 127. Psalm: "Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen".

Interessant ist auch zu lesen, daß die ältesten Familien des Ortes die Namen: Wetzel, Gisselbach und Großkurth trugen. Auf Grund des Standesamtsbuches von 1830 bis 1866 und anderen Unterlagen, wurde festgestellt, daß sich die Familiennamen in Burghofen bis zur Gegenwart um rund 75 Prozent geändert haben. Ganz verschwunden sind die Namen Knierim, Ludolph, Hartung und Sippel, die noch 1814 auf einer Ehrentafel im Ehrenraum der Kirche als Kämpfer des Freiheitskrieges 1813 genannt werden. Die neue Chronik gibt auch darüber Aufschluß, daß im Jahre 1881 zwölf Familien mit 52 Personen nach, Amerika auswanderten.

Blättert man wieder ein Stück weiter und überschlägt ein paar Seiten der Dorfchronik, so bieten sich wieder neue Aspekte. Im Dorf am Schemmerbach gab es Bauern, Leineweber, Tagelöhner und Hirten. Heiratete ein Mädchen einen Handwerksgesellen, so war eine solche Heirat eine ausgezeichnete Partie. In der Gemeinde gab es außer dem Ortsrecht noch ein Hirtenrecht. Im Ortsrecht war festgelegt, daß jede Person, die Bürger der Gemeinde werden wollte, ein Einzugsgeld von 15 Talern zuzüglich einem Taler zur Beschaffung eines ledernen Löscheimers zu zahlen hatte. Nachweisbar hatte Burghofen durch diese Eimersteuer bereits 1854 einen gut organisierten Feuerlöschdienst.

Das Hirtenrecht wurde alljährlich neu vergeben. Mit dem Hirtenrecht für den Kuh und Gänsehirten war ein mietfreies Wohnen im Gemeindehaus verbunden. Der Kuhhirte bekam 1/3 Taler und wie auch die anderen Hirten, 21/2 Pfund Brot pro Stück Vieh. Für Kälber und Bullen wurden sechs Silbergroschen gezahlt, ebenso erhielt der Schweinehirte sechs Silbergroschen pro Schwein. Der Gänsehirt bekam für die Gans einen Silbergroschen für die gesamte Hütezeit. Die Auszahlung erfolgte zur Hälfte zu Johannis und wenn der Fuchs keine Gans gestohlen hatte, den Rest am St. Martins Tag.

Gemeinsinn in alter Zeit

Der vielgepriesene und lobenswerte Gemeinsinn der Dorfbewohner ist keine Erfindung der Gegenwart, in der Burghofen durch die Leistung seiner Bürger bei der Dorfverschönerung an die Spitze der Gemeinden des Kreises kletterte. Gemeinschaftsgeist und soziales Verständnis gab es schon in Burghofen vor Jahrhunderten. So ist zum Beispiel in der Chronik festgehalten, daß Waisenkinder jährlich mit zwei Talern und zehn Silbergroschen für Schulbücher und Hefte unterstützt wurden und daß für einen Auswanderer, der zu seinem Sohn nach Amerika wollte, die fehlenden sechs Taler für die Überfahrt von der Gemeinde übernommen wurden.

Wieweit die Fürsorge für kranke und arme Menschen der Gemeinde ging, besagt die Niederschrift über eine Gemeindevertretersitzung am 21. Februar 1856, in der es wörtlich heißt: "Da der Martin Sippel arm ist und sein Brot nicht mehr mit Händearbeit verdienen kann, so ist in der heutigen Sitzung beschlossen, dem genannten Sippel monatlich eine Unterstützung von zehn Silbergroschen zu geben, um sich dafür sein nötiges Brot zu kaufen". Darunter ist noch ein Vollzugsvermerk des Gemeinderates und des Bürgermeisters niedergeschrieben.

Stromerzeugung in der Mühle

Seit 1898 finden sich in dem ledernen Buch auch Bilder und seit 1961 auch eingeheftete Zeitungsartikel zur Vervollständigung der Chronik. Vieles könnte noch über die umfangreiche Chronik erwähnt werden, so der Bau der Kanonenbahn und als in diesem Zusammenhang 1876 Burghofen zur Bahnstation wurde. Dann, als das Dorf nach dem ersten Weltkrieg in der Mühle mit Hilfe eines Aggregats den ersten elektrischen Strom im Schemmergrund erzeugte. Nicht zu vergessen sind der Bau der Wasserleitung und der Kanalisation sowie der Ausbau der Straßen, die das Bild Burghofens zu seinem Vorteil veränderten. Aber auch nicht zu vergessen sind die Kirmesburschen und Mädchen des Jahres 1952, die ihren Reinerlös von der Kirmes für ein Kreuz, das heute über dem Altar hängt, spendeten und die vielen, freiwilligen Stunden, die von den Einwohnern zur Verschönerung des Dorfes geleistet wurden.